Zeuge war mit Situation überfordert

Brandanschlag auf AKW in Bitterfeld

21.12.2015 12:13 Uhr | Aktualisiert 21.12.2015 12:44 Uhr


Kurz nach Mitternacht ging der Wohnwagen in Flammen auf. (BILD: Privat)

Von thomas steinberg
Beim Brandanschlag auf das AKW in Bitterfeld fotografierte ein Bewohner das Feuer, unhterließ aber jede Hilfeleistung. Seine vagen Aussagen vor Gericht lässt die Verfahrensbeteiligten ratlos zurück.

Zörbig/Dessau.Ein im Internet kursierendes Foto ließ es vermuten: Für das von Brandsätzen ausgelöste Feuer im Bitterfelder Alternativen Kulturwerk (AKW) könnte es einen weiteren Zeugen geben. Denn sowohl der Entdecker des Brandes als auch die Eigentümerin des angesteckten Wohnwagens hatten bestritten, Fotos gemacht zu haben. Was durchaus plausibel klang – beide waren mit Löscharbeiten beschäftigt.

Am letzten Verhandlungstag vor der Weihnachtspause wurde nun vor dem Landgericht in Dessau Herr Z. (*) vernommen, selbst Bewohner des AKW. Sein Name war bereits erwähnt worden, nämlich von einem Besucher, der das AKW am 17. April kurz vor Mitternacht verlassen hatte und dem ein in der Nähe parkender Pkw auffiel, ein an diesem Ort und für diese Zeit durchaus ungewöhnlicher Umstand, über den er Z. telefonisch unterrichtete. Der war seinerseits unterwegs, wollte nach eigenen Angaben etwas von der Tankstelle holen und fuhr nach dem Anruf zurück. Als Z. beim AKW eintraf, brannte der Wohnwagen bereits.

Zeuge war überfordert

Was nun geschah – oder besser: nicht geschah – lässt sich kaum anders erklären als mit einer völligen Überforderung Z.’s. Seine Hilfeleistung beschränkte sich nach eigener Darstellung darauf, laut „Feuer“ zu rufen. Mit dem Smartphone machte er ein Foto des brennenden Wohnwagens, noch bevor die Brandbekämpfung begonnen hat. Die überlässt er zwei anderen.

Bis er selbst dann in seinem Kleinbus den Schlüssel zum AKW-Tor gefunden hatte, müssen insgesamt wohl mehrere Minuten vergangen sein. Als er schließlich auf das Gelände fährt, ist das Feuer längst gelöscht. Ob er mit den beiden Brandbekämpfern geredet hat, bleibt etwas diffus. Von dem Foto jedenfalls scheint er ihnen nichts erzählt zu haben. Statt dessen landet das Bild auf dem für alle zugänglichen Rechner im AKW. Er selbst, beteuert Z., habe es allerdings nicht ins Internet geladen.

Die vagen Versuche von Z., sein Tun und Lassen zu erklären, scheinen nicht nur die Verfahrensbeteiligten ratlos zu machen, sondern ebenso Z. selbst. Er selbst begreift offenbar nicht, warum er jede Hilfe unterließ. Eine – im Gerichtssaal nicht diskutierte Erklärung – könnte ein gut untersuchtes Phänomen sein, den Soziologen Zuschauereffekt nennen: Je mehr Leute in Gefahrensituation potentiell Hilfe leisten können, desto niedriger die Wahrscheinlichkeit, dass der Einzelne von sich aus eingreift. (mz)

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung